Orthographie im DaZ-Unterricht – mehr als Rechtschreibung
Orthographie unterstützt den Zweitspracherwerb
Viele Lehrpersonen beobachten, dass Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache (DaZ) trotz intensiven Übens immer wieder ähnliche Rechtschreibfehler machen. Schnell entsteht der Eindruck, sie müssten einfach „mehr Rechtschreibung üben“. Der aktuelle Forschungsstand zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild.
Orthographie ist weit mehr als das Erlernen von Rechtschreibregeln. Sie hilft Kindern dabei, die Struktur der deutschen Sprache zu erkennen und bewusst zu verstehen. Damit wird sie zu einem wichtigen Bestandteil des Sprachlernens.
Christa Röber weist darauf hin, dass die Schriftsprache sprachliche Strukturen sichtbar macht, die im gesprochenen Deutsch häufig kaum wahrnehmbar sind. Endungen werden im Sprachfluss oft abgeschwächt oder ausgelassen, Wortgrenzen verschwimmen und grammatische Zusammenhänge bleiben verborgen. Die Schrift macht diese Strukturen hingegen sichtbar. Sie zeigt Wortgrenzen, Wortstämme, Flexionsendungen und grammatische Beziehungen und unterstützt dadurch den Erwerb der deutschen Sprache.
Für DaZ-Lernende eröffnet die Orthographie somit einen zusätzlichen Zugang zur deutschen Sprache. Sie hilft ihnen, sprachliche Muster zu erkennen, Regelmäßigkeiten zu entdecken und grammatische Zusammenhänge besser zu verstehen. Gleichzeitig liefert sie wichtige Hinweise für eine präzisere Aussprache, beispielsweise durch die Kennzeichnung von Vokallänge, Silbenstruktur oder Wortgrenzen.
Orthographie ist damit nicht nur Lernziel, sondern zugleich ein wirkungsvolles Werkzeug des Zweitspracherwerbs.
(vgl. Röber, C. (2012). Die Orthografie als Lehrmeisterin beim Spracherwerb. In: Deutsch als Zweitsprache, 2, 34–49.)
Was bedeutet das für den Unterricht?
Aus den Erkenntnissen der Orthographiedidaktik und der aktuellen Forschung zum Schriftspracherwerb lassen sich zentrale Grundsätze für einen sprachbewussten Orthographieunterricht ableiten.
Im Mittelpunkt stehen nicht das Auswendiglernen einzelner Schreibungen oder das bloße Korrigieren von Fehlern. Entscheidend ist vielmehr, dass Kinder sprachliche Strukturen verstehen, orthographische Regelmäßigkeiten erkennen und Rechtschreibstrategien entwickeln.
Ein sprachbewusster Orthographieunterricht ...
macht sprachliche Strukturen sichtbar,
verbindet Orthographie mit Wortschatz- und Grammatikarbeit,
arbeitet mit Wortfamilien und Wortbausteinen,
fördert das Erkennen orthographischer Muster,
vermittelt Rechtschreibstrategien statt isolierter Merksätze,
unterstützt Kinder dabei, Sprache und Schrift miteinander zu verknüpfen.
Gerade für Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache bietet dieser Ansatz große Chancen. Orthographie wird dabei nicht erst thematisiert, wenn die deutsche Sprache bereits sicher beherrscht wird, sondern begleitet den gesamten Sprachlernprozess.
Was sagt die Forschung?
Empirische Studien zeigen, dass mehrsprachige Schülerinnen und Schüler überwiegend dieselben orthographischen Fehlertypen entwickeln wie Kinder mit Deutsch als Erstsprache. Unterschiede betreffen vor allem die Erwerbsgeschwindigkeit und die sprachlichen Voraussetzungen – nicht jedoch grundsätzlich andere Lernwege.
Ein weiterer wichtiger Befund betrifft den Einfluss der Erstsprache: Interferenzfehler, also Rechtschreibfehler, die unmittelbar auf Übertragungen aus der Erstsprache zurückzuführen sind, machen nur einen kleinen Teil der gesamten Rechtschreibfehler aus. Die meisten Schwierigkeiten entstehen vielmehr beim Erwerb der phonologischen (lautlichen), morphologischen, grammatischen und orthographischen Strukturen des Deutschen. Genau diese Strukturen stellen auch Kinder mit Deutsch als Erstsprache vor Herausforderungen.
Daraus lässt sich ableiten, dass Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache keine grundsätzlich andere Orthographiedidaktik benötigen. Entscheidend ist vielmehr ein sprachbewusst gestalteter Unterricht, der individuelle sprachliche Voraussetzungen berücksichtigt und den Aufbau der deutschen Sprach- und Schriftstrukturen systematisch unterstützt.
(vgl. Becker & Nimz, 2023)
Fazit
Orthographie ist weit mehr als das Erlernen korrekter Schreibweisen. Sie unterstützt Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache dabei, die Strukturen der deutschen Sprache bewusst wahrzunehmen und sprachliche Muster zu erkennen. Ein sprachbewusster Orthographieunterricht verbindet daher Sprachförderung und Rechtschreiben von Beginn an. Er unterstützt Kinder nicht nur beim richtigen Schreiben, sondern zugleich beim erfolgreichen Erwerb der deutschen Sprache.
Literatur
Becker, T., & Nimz, K. (2023). Schriftsprachaneignung bei Kindern im mehrsprachigen Kontext: Empirische Befunde und Implikationen für Theorie und Praxis. Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, 101, 73–92.
Berkemeier, A. (2021). Schrift- und Orthographievermittlung in vielfältigen Lerngruppen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag.
Röber, C. (2012). Die Orthografie als Lehrmeisterin beim Spracherwerb. In: Deutsch als Zweitsprache, 2, 34–49.
Konsequenzen für die Praxis -> Didaktisch-methodische Anregungen für den Unterricht
Sommerschule 2026: DaZ-Förderung konkret
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https://www.bimm.at/themenplattform/thema/sommerschule-2026-daz-foerderung-konkret/
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