Methodisch-didaktische Impulse zur Alphabetisierung von DaZ-Kindern

(siehe auch >>Lernbereiche: Alphabetisierung>>)

 

Die Basis einer guten Rechtschreibfähigkeit wird im Anfangsunterricht gelegt. Wird die Fähigkeit, Buchstaben ihren Lauten zuzuordnen, nicht ausreichend geübt und gefestigt, treten in Folge Lern- und Lese-Rechtschreibschwierigkeiten auf. DaZ-Kinder brauchen daher absolute Sicherheit für die "technische" Seite des Schriftspracherwerbs. Grundsätzlich sollte in diesem Zusammenhang das Schreiben von Beginn an Bedeutung haben (RÖSCH, S. 104-105).

 

Methodisch-didaktische Anregungen zur Alphabetisierung

  • Lautgebärden: In der Praxis hat sich z.B. bewährt, die Buchstaben mit Lautgebärden einzuführen (z.B. Kieler Leseaufbau). Dadurch können die Artikulationsstellen der meisten Laute erfahr- und spürbar gemacht werden. Mit den Händen zu agieren und der damit verbundene Körpereinsatz wirken motivierend. Die Lautgebärden ermöglichen die Diskriminierung des Lautes und bieten zudem Gelegenheiten zum mehrkanaligen und ganzheitlichen Lernen, wodurch Laute umfassend bewusst gemacht werden können. Dies begünstigt die Aufnahme und Speicherung von Lernstoff, wie die Gehirnforschung aufgezeigt hat. Die Lautgebärden können auch im weiteren Verlauf des Schriftspracherwerbs gute Dienste leisten, z. B. um Endungen bei unbestimmten Artikeln (e, en) oder bei der Adjektivflexion (e, en, er) bewusst zu machen  (HOFFMANN / WEIS, S.59; MICHALAK / KUCHENREUTHER, S. 142).
  • Die Begegnung mit Buchstaben sollte auf unterschiedlichen Wegen stattfinden:
- Einzelbuchstaben ertasten, spuren (z. B. im Sand) oder selber basteln (z. B. kneten, zerschneiden), mit Knöpfen u. a. Materialien legen, stempeln, puzzeln usw.
- Kinder können zu eingeführten Buchstaben Anlautbilder zusammenstellen
- Einbeziehen der Mundstellung für die Graphem-Lautzuordnung 
  • Übungen zur akustischen Differenzierung: Kinder mit anderen Erstsprachen haben andere Hörgewohnheiten und können daher bestimmte Laute im Deutschen nur schwer erfassen. Daher sollten diese akustischen Differenzierungsübungen häufig angeboten werden.
  • Die Kinder sollten sehr oft die Möglichkeit bekommen, den Lautklang zu sprechen und gleichzeitig den Buchstaben zu betrachten (HOFFMANN / WEIS, S. 60).
  • Aktivitäten zum eigenen Namen anregen: Knetmaterial, Wortmaterial aus Katalogen und Prospekten
  • Übungen zur optischen Wahrnehmung und Motorik (Ausmal- und Nachspur-übungen), v. a. von >>Buchstaben>>, die den DaZ-Kindern aufgrund ihrer Herkunftssprache im Deutschen schwerfallen (RÖSCH 2003, 105-107).
  • Unterschiedliche Lautwerte für gleiche Grapheme: Zwei- oder mehrsprachige Schulanfänger/innen müssen lernen, dass gleiche Grapheme in beiden Sprachen verschiedene Namen und Lautwerte haben. Das Graphem <z> beispielsweise heißt auf Deutsch "Zet" und steht für den Doppellaut [ts], auf Türkisch heißt es "Ze" und steht für das stimmhafte [z]. Daher sollte mit der Einführung der Buchstabennamen nicht zu lange gewartet werden. Zudem hat z. B. das Graphem <E> nicht immer den Lautwert [e:], sondern wird häufig kurz und offen ausgesprochen, wie z. B. im Wort "es". (BELKE, S. 142)
  • Mehrsprachige ABC-Verse, -reime und -spiele können bei dieser Unterscheidung auf der lautlichen Ebene hilfreich sein. Mit der vergleichenden Einführung von ABC-Versen sollte daher bald begonnen werden (HOFFMANN / WEIS, S. 64).
  • Deutsche ABC-Verse und -reime sollten beim Erstlesen und -schreiben genutzt werden. Sie helfen durch die rhythmische Struktur, ein Gefühl für Klang und Rhythmus der deutschen Sprache zu bekommen (HOFFMANN / WEIS, S. 61).
  • Anlauttabellen: Die Arbeit mit Anlauttabellen birgt Gefahren, da die DaZ-Kinder mit dem gezeigten Bild oft nicht das entsprechende deutsche Wort verbinden , sondern sich am muttersprachlich konnotierten Begriff orientieren (statt H für Haus könnten türkische Kinder z. B. an ev denken (das türkische Wort für Haus). Das in der Anlauttabelle durch die Bilder präsentierte Wortmaterial muss daher intensiv geübt werden. Die Nutzung von deutschen Anlauttabellen ist also nur dann sinnvoll, wenn die DaZ-Schüler/innen die abgebildeten Wörter im Deutschen kennen, richtig aussprechen und den Unterschied zwischen kurzen und langen Vokalen wie etwa in "Ente" und "Esel" oder in "Indianer" und "Igel" usw. hören können. DaZ-Kinder sollten die Möglichkeit erhalten, die Anlautwörter bewusst auditiv wahrnehmen und die wahrgenommenen Laute und Buchstaben mit jenen ihrer Erstsprache vergleichen zu können. Vorteilhaft wären daher kontrastive Anlauttabellen (BELKE, S. 143-144). 
  • Da dies in vielen mehrsprachigen Klassen nicht möglich ist, wird der Einsatz gesungener Anlauttabellen. Dies erleichtert es den DaZ-Kindern, die deutschen Laute, die sie verschriftlichen sollen, "ins Ohr" zu bekommen, z. B. mit "Professor Jecks Tierlieder-ABC: Singend und spielend das ABC lernen". Hier werden ABC-Verse und gesungene Anlauttabelle auf sehr reizvolle Weise verbunden. Gerade für DaZ-Kinder, die die Unterrichtssprache Deutsch nur unzureichend beherrschen, sind solche ästhetischen Angebote wichtig. Die Möglichkeit sich zu bewegen und den ganzen Körper einzubringen, sollte gerade im Anfangsunterricht oft genutzt werden. (BELKE, S. 145).
  • Zungenbrecher: Mit den beliebten Zungenbrechern können einerseits die Laut-Buchstaben-Zuordnung (v. a. schwierige Konsonantenverbindungen) und andererseits Satzbau und Wortschatz geübt werden. Die konsequente Wiederholung eines Lautes oder einer Lautverbindung sind kennzeichnend (HOFFMANN / WEIS, S. 60).
  • Lieder sollten im Anfangsunterricht (aber auch später) sehr häufig eingesetzt werden, denn hier tragen Rhythmus, Reim und Melodie die Sprache und erleichtern das Sprachenlernen. Lieder helfen Kindern, die entweder Angst vorm Sprechen oder Ausspracheschwierigkeiten haben. In folgender Liedauswahl werden Anlaute und Lautfolgen sowie Satzbaumuster usw. geübt: Der Katzentatzentanz, Bruder Jakob, Die Wi, Wa, Weihnachtsmaus, Tickitack, Der Tausendfüßer, Drei Chinesen mit dem Kontrabass.
  • Sprachspiel "Koffer packen": Zu jedem Buchstaben sollte diese Übung gemacht werden. Voraussetzung: Bildkarten oder Realien, die rund um einen Koffer aufgelegt werden. Beispiel: Buchstabe B - Vorbereitende Wortschatzübung mit Frage und Antwort: Was ist das? Antwort: Das ist der (oder ein) Besen usw. Dann folgt die eigentliche Übung: Was legst du in den (deinen) B-Koffer? Ich lege in den B-Koffer den (großen) Besen (die Banane, das Buch) usw.
Buchempfehlung: Gerlind Belke (Hrsg.): Mit Sprache(n) spielen.

Kinderreime, Gedichte und Geschichten für Kinder zum Nachsprechen, Mitmachen und Selbermachen. Schneider Hohengehren: Baltmannsweiler 2003.